Menschenwürdig Pflegen

Ich bin seit 40 Jahren Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Fachweiterbildungen in Onkologie, Palliative Care und Schmerztherapie und schreibe diesen Blog für die Krankenpflege, weil es dringend notwendig ist ein realistisches Bild des Berufes öffentlich zu machen. Damit sich die Not wendet muss sich an den jetzigen Bedingungen etwas Wesentliches ändern.

 

Es ist mehr als genug – schon lange!

Ich möchte nicht mehr über die Station hetzen und Patienten abfertigen müssen, anstatt mich um sie zu kümmern und sie so zu versorgen, wie es ihrer Erkrankung und ihrer Persönlichkeit entsprechend erforderlich und angemessen wäre.

Ich will es nicht mehr ertragen müssen, für viel zu viele Patienten zuständg zu sein, denen ich gar nicht gerecht werden kann, weil die zur Verfügung stehende Zeit viel zu knapp ist.

Ich möchte es mir nicht mehr verkneifen müssen, meine Patienten zu fragen wie es ihnen geht, weil ich gar nicht die Zeit habe, die Antwort abzuwarten.

Ich möchte mich nicht mehr schlecht fühlen, weil ich die Hygiene nicht eingehalten habe- nicht weil mir die Fachkenntnis oder der Wille fehlen- sondern die Zeit dafür einfach nicht zur Verfügung steht.

Ich möchte nicht mehr Patienten drängen, sich dem Tempo des Stationsablaufes anzupassen, sich möglichst rasch zu bewegen oder zu entscheiden und möglichst zeitsparend zu funktionieren, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, in der sich andere, unerledigte Aufgaben noch höher auftürmen.

Ich möchte nicht mehr die Angst, den Seelenschmerz, die Bedürfnisse und die Bedürftigkeit meiner Patienten übersehen müssen, weil dafür viel zu wenig Zeit und geschützter Raum zur Verfügung stehen.

Ich möchte nicht mehr nachts aus dem Schlaf hochschrecken, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich in der Hektik das richtige Medikament, in der richtigen Dosierung, in der richtigen Applikationsform, zum richtigen Zeitpunkt, dem richtigen Patient verabreicht oder den Infusomat oder die Spritzenpumpe richtig programmiert habe.

Ich möchte nicht mehr mein eigenes Berufsethos ignorieren und gegen meine Überzeugung handeln müssen.

Ich möchte mich nicht mehr für ein System instrumentalisieren lassen, das mich immer öfter dazu zwingt gegen Artikel 1 des Grundgesetzes zu verstoßen- um den Preis der Gewinnmaximierung im Gesundheitssystem – und mich zur Täterin macht.

Liebe KollegInnen in den Krankenhäusern, den ambulanten Pflegediensten oder wo immer sonst ihr unseren Beruf ausübt, wir dürfen uns nicht mehr von berufsfremden Entscheidern vorschreiben lassen, wie wir unseren Job zu machen haben. Wir müssen Krankenpflege menschlich machen. Für uns, für die Patienten und für unsere Gesellschaft. Dafür brauchen wir Pflegenden anständige Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung. Es darf nicht darum gehen Krankheiten zu behandeln mit dem Ziel, möglichst hohen monetären Gewinn zu erzielen, sondern darum, kranke Menschen zu behandeln, zu versorgen, sich um sie zu kümmern und zu heilen.

Schreibt – Pflegende, Angehörige, Patienten, alle die dieses Thema direkt oder indirekt betrifft  eure Erfahrungen, eure Meinungen und eure Anliegen, damit möglichst Viele erfahren wie es wirklich aussieht und uns da draußen hoffentlich jemand hört, der uns, unsere Arbeit und unseren Auftrag für die Patienten ernst nimmt und die Bedeutung für unsere gesamte Gesellschaft begreift und Entscheider in Politik und Gesellschaft erkennen, was auf dem Spiel steht.

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